Russland ist ein armes Land. Und seltsame Menschen leben dort. Die Männer
tragen Uniform, Sonnenbrillen oder eine Flasche 40 Prozent. Und irgendwie sind
alle ein bißchen kriminell: Die Armen, weil sie arm sind und sich durchs Leben
schlagen. Und die Reichen, weil sie reich sind und - wie Russen nun mal sind -
mit stolzer Russenbrust ihren Reichtum vorzeigen. Und die Frauen? Russische
Frauen heißen alle Tatiana oder Natascha. Und die Frauen haben es schwer:
mit ihren versoffenen Männern, die das wenige Geld in Promille anlegen und
nichts außer Sorgen nach Hause bringen. Aber russische Frauen stehen ihren
Mann - im Sozialismus als Kranführerin und auch im Kapital. ...
Dann zaubert der Russland-Experte vom zweiten Kanal ein Szenario, als wolle er
Lenin mit Stalin austreiben: Russland, ein Wintermärchen. Bezaubernde Schnee-
landschaften. Dann eine Sauna, daneben ein Swimmingpool. Der Pool dampft,
Sager schwitzt und haucht mit Lilo Wanders Worten:
"Und dann noch Sibirien von der ganz heißen Seite ..."
Das war das Stichwort: Aus der Sauna treten nun, eine nach der anderen, fünf
junge Frauen in knappen, bunten, unverbrauchten Bikinis und tragen, wie der
Reporter schon so treffend vorhersah: ... ´ihre Haut zu Markte´. Aha! Typische
russische Mädchen! Lassen für Geld und Gagen, für reiche Russen und TV-
Teams aus dem goldenen Westen mal wieder die Hüllen fallen! Schnitt. Da
stehen also fünf Bikinimädchen im sibirischen Schnee. Und? Was sollen wir JETZT tun? fragt da eine. Pause. Denn Herr Sager ist sprachlos glücklich und
lässt seine Mietmädchen noch ein Weilchen in dem von ihm geschaffenen
Szenario stehen. Und dann, natürlich und unvermeidlich, der Höhepunkt des
Abends, man ahnt es schon: Die Mädchen springen in den vor Freude dampfen-
den Pool.
Dann ist nur noch Plantschen. ...
aus: RUSSLAND FAKE
Vom Elend der Russland-Reportagen
RUSSLAND-TEXTE MOSKAUER BABYLON von AlexanderProchanow
Dort die Fleischabteilung – rosa, weiß, dunkelrot und in aller Frische. Auf sauberen Tüchern, hingeworfen auf steinerne Theken, Berge von Fleisch. Eine Fleischstadt! Eine Kathedrale aus Nieren und Lungenstücken. Paläste aus Kalbshirn. Türme aus saftigem Filet. Schaschlikstücke mit Perlmutt schimmernden Häutchen. Violett-dunkelblau glänzende Leber, einer dicken Dahlie ähnlich. Die Rinderherzen erinnern an feuchte Pflastersteine. Die in Stücke gehackten Keulen sehen aus wie Zuckerstangen mit Himbeergelee. Die Verkäufer sind drall, mit breiter Brust und Schürzen. Sie packen Stücke von Fleisch und werfen Sie auf die Waage. Hängen das Fleisch an Haken auf.
"Nimm, schlag es nicht ab!.....es wird Dir schmecken! Mit Zitrone, mit Meerrettich, mit Wodka! Ich habe das Ferkel selber groß gezogen. Milch habe ich ihm gegeben!“
Glänzende Messer, Schläge von Hackebeilen, das Knirschen von Knorpeln beim Durchtrennen. Die Hand rot von Blut. Die Finger verklebt mit Fett. In die darunter gestellten Becken wird marmorfarbener Speck hineingeworfen. Während noch dunkles Blut am Fleisch zu sehen ist, wird ein saftiges Bratenstück vom Kalb flink aus einem Bein heraus geschnitten.
„ Achmed, ein Lamm nimm es! Du bist aus dem Kaukasus, für Euch halten wir die Lämmer.....Danke, Arbeit gibst du uns! ...Tschetschene“ – „Ein gutes Volk, solange man Ihnen keine Waffen gibt!“. ...
Pünktlich um 08:45 Uhr haben wir das Konsulat erreicht und stehen nun am Ende einer Schlange von ca. 50 Menschen. Um 08:50 werden die ersten Personen eingelassen. Immer 6, erst durch das Eingangstor, das sich per Summer öffnet, dann durch eine 2. Sicherheitsschleuse. Der Eingang des Konsulates verschluckt sie und draußen schauen viele mit bangen Blicken, als würden sie befürchten, es würde keiner zurückkehren. Während der Wartezeit (seit einer halben Stunde hat sich nichts getan), klingeln immer wieder mal einige Personen am Tor und werden eingelassen. Ich frage nach und man erklärt mir, dass diese Leute ihr bereits fertiges Visum abholen. ... Weitere 6 Personen werden eingelassen. Wieder 30 cm gewonnen. Andere verlassen inzwischen das Konsulat, einige mit kleinen, weißen Zetteln in der Hand. Die mit den Zetteln kommen nach kurzer Zeit zurück und werden auf Klingeln auch gleich wieder eingelassen. Und wieder 6. Die Zeitabstände verkürzen sich mittlerweile auf ca. 10 Minuten. Das macht Hoffnung, denn es ist mittlerweile 10:30 Uhr. Endlich dürfen auch wir das Gelände betreten, auf den Eingang zugehen, eintreten und eine kleine Zeitreise in die 50er Jahre machen. Links also befindet sich der Bereich für die Visa. Es sind dort zwei fensterähnlich Durchbrüche eingelassen. Einer für die Beantragung und ein weiterer für die Ausgabe der Visa. Ich stelle mich in die Schlange am Schalter Beantragung. Die Luft im Raum scheint auch noch von den 50er zu stammen. Stickig, warm und die Gerüche der vielen Menschen hier tun ihr übriges. Endlich bin ich an der Reihe. Da stehe ich nun vor einem mit Panzerglas gesichertem Schalter. Das Glas ist verspiegelt und nur durch ein schwaches Gegenlicht ist schemenhaft eine Person dahinter zu erkennen. Eigentlich eher zu vermuten, zu ahnen. ...